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Bald geht es wieder los: Tränende und brennende Augen, laufende Nase, Kopfschmerzen, Atemnot, juckende Haut und allgemeines Unwohlsein. In diesem Artikel sind nützliche Infos zusammengestellt, die im Zusammenhang mit der Pollensaison relevant sein können.
Was passiert bei einer Allergie?
Bei einer Allergie reagiert das Immunsystem auf fremde, meist harmlose Substanzen über die Bildung von IgE-Antikörpern. Damit eine Allergie entstehen kann, kommt es zunächst beim (ersten) Kontakt mit dem Allergen zu der sogenannten Sensibilisierung. Hier nehmen nun die Abwehrzellen des Immunsystems die Substanz als feindlich oder toxisch wahr und es kommt zur IgE-Antikörperbildung. Ab diesem Zeitpunkt werden diese Antikörper jedes Mal ausgeschüttet, sobald der Körper wieder Kontakt zu dem Allergen hat.1
Der spezifische IgE-Antikörper bindet sich über das Schlüssel-Schloss-Prinzip an das Antigen und es entsteht der Antigen-Antikörper-Komplex (AAK). Über diesen AAK werden die Mastzellen aktiviert. Diese Zellen besitzen an ihrer Oberfläche zahlreiche Rezeptoren, über welche sich die unterschiedlichsten Substanzen aktivierend oder hemmend auswirken können. Über den Rezeptor FCεRI vermittelt der AAK das Signal zur Aktivierung. Daraufhin werden bis zu mehrere hundert Allergie- und Entzündungsmediatoren (Botenstoffe) ausgeschüttet (siehe Abbildung 1).1 Einer der Hauptmediatoren bei einer allergischen Reaktion ist der Neurotransmitter und das Gewebehormon Histamin.
In diesem weiterführenden Artikel lernst du weitere Mastzellrezeptoren kennen und die Stoffe wodurch sie aktiviert werden können: “Mastzellaktivierung und Histaminausschüttung über verschiedene Rezeptoren“.

Abbildung 1 Das Antigen wird vom spezifischen IgE-Antikörper gebunden, wodurch sich der Antigen-Antikörper-Komplex “AAK” bildet. Der IgE-Antikörper sitzt meistens gebunden an dem Rezeptor FCεRI auf der Mastzelloberfläche. Der AAK sendet dann Signale an die Mastzelle und leitet die allergische Reaktion in Form der Botenstoffausschüttung ein.1
Allergien und das “Histaminfass”
Jeder Körper besitzt seine eigene individuelle Toleranzgrenze für Histamin. Wird diese überschritten, treten gesundheitliche Beschwerden auf. Hierbei spricht man oft vom sogenannten „Histaminfass“. Wenn der Körper mit dem Abbau nicht mehr hinterherkommt und immer mehr Histamin ausgeschüttet, gebildet oder aufgenommen wird, läuft dieses “Fass” irgendwann bei jedem über. Dies führt zu einer Histaminose, einem pathologisch erhöhten Histaminspiegel im Körper. Der erhöhte Histaminspiegel kann in zahlreichen Organsystemen zu Symptomen führen. Zu den typischen Symptomen einer Pollenallergie zählen: verstopfte oder laufende Nase, brennende Augen, gerötete und tränende Augen, Atemwegsprobleme (z.B. Asthma), Juckreiz und Hautausschlag. Aber auch Symptome wie Durchfall, Schlafprobleme und Kopfschmerzen können auftreten.
Umfangreiche Infos zu Symptomen in den unterschiedlichen Organen findest du hier: Histamin – unser Freund und Feind.
Dieses Histaminfass ist häufig auch der Grund, weshalb bei Pollenallergikern zur Blütesaison jede weitere Portion Histamin in Form von weiteren Allergien, Kreuzallergien, histaminvermittelten Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder dem weiblichen prämenstruellen Syndrom (PMS), die Situation weiter verschärfen kann. So kann es sogar auch zu schwereren Reaktionen, wie Urtikaria, Asthma und Anaphylaxie kommen.2
Den Zusammenhang zwischen Histamin, dem Hormonsystem und dem prämenstruellen Syndrom kannst du hier nachlesen: „Histamin, PMS und warum Schokolade keine gute Idee ist (Teil 1 – Mastzellen)“.
Heuschnupfen: Zusammenhänge, die schon im Winter beginnen
Da wir jetzt über den Mechanismus Bescheid wissen, können wir uns nun einmal anschauen, welche Histamin-Stellschrauben Einfluss auf dieses Histaminfass haben und wie wichtig es ist, dass diese Mechanismen bereits vor dem Start der Pollensaison gut funktionieren. Dazu zählen Aspekte des Histamingeschehens, etwa Prozesse rund um Mastzellen, den Histaminabbau sowie die Bildung und Aufnahme von Histamin.
Stabile Mastzellen
Mastzellen sind die Wächter in unserem Körper. Fühlen sie sich angegriffen, dann senden sie zur Verteidigung ihre Botenstoffe aus. Sind die Zellen aus verschiedenen Gründen leicht zu reizen, dann können schon harmlose Auslöser zu Symptomen führen. Doch die Immunzellen lassen sich nicht nur aktivieren, sondern auch stabilisieren. Dadurch wird eine größere Reizstärke benötigt, bevor sie ihre Botenstoffe ausschütten.
Da viele Mastzellstabilisatoren zeitverzögert wirken, wird in der Literatur häufig darauf hingewiesen, dass entsprechende Prozesse bereits vor dem Pollenflug relevant sein können. Eine Vorlaufzeit von meist mindestens 4 Wochen wird dabei oft genannt.
Welche Mastzellstabilisatoren gibt es?
Sekundäre Pflanzenstoffe:
- Quercetin3
- Rutin4
- Luteolin5
- Fisetin6
Vitamine:
- Vitamin D9
Aminosäuren, Fettsäuren und Fettsäureamide:
- L-Theanin10
- Omega-3-Fettsäuren29
- Palmitoylethanolamid (PEA)11
Wenn du noch weitere Mastzellstabilisatoren kennenlernen möchtest, kommst du hier zum Beitrag „29 interessante Mastzellstabilisatoren“.
Der Histaminabbau: Das Ventil am Histaminfass
Die beiden Enzyme DAO (Diaminoxidase) und HNMT (Histamin-N-Methyltransferase) sind für den Histaminabbau im Körper zuständig. Um das Substrat Histamin ausreichend umsetzen zu können, benötigen die Enzyme Unterstützung durch Mikronährstoffe. Wenn also bestimmte Nährstoffmängel bestehen, kann der Histaminabbau verlangsamt werden.12,13
Unterstützend für die DAO-Aktivität:
- Kofaktor: Kupfer14,15
- Weitere Nährstoffe, die die DAO-Aktivität verbessern können (Studien an Frauen)16,30: Vitamin B6, Fettsäuren, Vitamin B12, Eisen, Magnesium, Phosphor, Zink.
Unterstützend für die HNMT-Aktivität:
- Kofaktor: S-Adenosylmethionin “SAMe”12
- Wichtig für die körpereigene Bildung von SAMe28: Folat, Vitamin B12 und die Aminosäure Methionin
Achtung bei erhöhtem Homocysteinwert, Folsäuremangel und Vitamin B12-Mangel: SAMe wird nach seinem Gebrauch zu Homocystein abgebaut und anschließend durch aktive Folsäure und Vitamin B12 wieder zu SAMe recycelt. Besteht ein Folsäure- und/oder Vitamin B12-Mangel, kann das aus SAMe entstehende Homocystein nicht recycelt werden und reichert sich an. Gleichzeitig kommt es zu einer verminderten Bildung von SAMe. Homocystein ist ein kardiovaskulärer Risikomarker. Ist Homocystein bereits vor der Einnahme von SAMe erhöht, sollte der Fokus zunächst auf dem Abbau des Homocysteins liegen. Die Therapie eines zu hohen Homocysteinspiegels liegt standardmäßig in der Gabe von aktiver Folsäure, Vitamin B12 und Vitamin B6. Aber auch Cholin und Betain sind am Homocysteinabbau beteiligt.12,28,31
Spezialhelfer:
- Vitamin C: Das Vitamin ist in der Lage den Histaminspiegel im Körper zu senken.17,18 Daher sollte bei allen allergischen Erkrankungen auf eine ausreichende Vitamin C Versorgung geachtet werden.
Histaminproduktion der Darmflora
Das biogene Amin Histamin kann aber nicht nur von Mastzellen ausgeschüttet werden, sondern auch von Darmbakterien gebildet werden. Sie verstoffwechseln über das Enzym Histidin-Decarboxylase (HDC) die aus der Nahrung aufgenommene Aminosäure L-Histidin.19 Eine Lebensmittelvergiftung kann übrigens ebenfalls von einem zu hohen Gehalt an Histamin ausgelöst werden. Dieses Histamin wird durch Bakterien gebildet, die sich massenhaft in verdorbenenen Nahrungsmitteln befinden.
Laut Studien sind im Mikrobiom von Asthma-Patienten Bakterienstämme, die Histamin und andere biogene Amine bilden, deutlich erhöht im Vergleich zu gesunden Probanden.20
Antibiotika-Therapien21, Medikamente22, Ernährung23 und Stress24 sind nur einige der Einflussfaktoren auf unser Mikrobiom. Wird die Vielfalt in unserer Darmflora vermindert und werden wichtige Keime zur Minderheit, kann dies negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Eine gestörte Darmflora kann u.a. auch eine erhöhte Histaminproduktion zur Folge haben, was wiederum zu einem steigenden Level unseres Histaminfasses beiträgt.
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Wenn man die Darmflora bei allergischen Erkrankungen unterstützen möchte, dann ist es wichtig, dass man bei den Bakterienstämmen darauf achtet, dass sie selbst kein Histamin bilden. Typische histaminbildende Probiotika, die meist nicht so gut vertragen werden, sind z.B. Enterokokken, Streptococcus thermophilus, sowie manche Lactobacillus-Arten, wie L. casei.
Die beiden Bifidobakterien-Stämme B. infantis und B. longum hingegen sind sogar in der Lage Histamin zu regulieren und daher bei einer Histaminose sehr von Vorteil.25 Details zur Studie findest du in diesem Blogartikel: “Darmflora und Allergien – Bifidobakterien B. infantis und B. longum“
Beim Darmaufbau spielen natürlich noch viele weitere Faktoren eine Rolle, wie z.B. Zusatzstoffe und Konservierungsmittel in Lebensmitteln oder auch die Ballaststoffzufuhr. Das würde jedoch den Rahmen dieses Artikels sprengen. Daher wird das Thema zu einem anderen Zeitpunkt noch einmal vertieft werden.
Unterstützung während der Pollensaison
Ist der Pollenflug in vollem Gange und du bemerkst trotz Mastzellenstabilisator und ausreichender Versorgung mit Mikronährstoffen einen steigenden Histaminspiegel, so können noch weitere Faktoren als Ursache in Betracht kommen
Histaminzufuhr über die Ernährung
In vielen Lebensmitteln ist Histamin enthalten oder entsteht bei der Lagerung. Damit das Histaminfass also nicht bereits durch die Ernährung an seine Überlaufgrenze kommt, kann man hier vorbeugen und so die Toleranz gegenüber anderen Histaminquellen (wie z.B. Allergien) erhöhen.
Auswahl an Lebensmitteln mit hohem Histamingehalt:26
- Alkohol (hemmt zusätzlich noch den Histaminabbau über die DAO)
- Buchweizen, Gerste, Sonnenblumenkerne
- Fermentiertes, wie Sauerkraut, Balsamico-Essig
- Lang gereifte Wurstwaren und Käsesorten, wie z.B. Salami, Räucherfleisch, Rohschinken, Bergkäse, Schimmelkäse
- Fisch und Fleisch in der Auslage oder aus Konserven
- Aber auch viele fangfrische und direkt eingefrorene Fische, wie Forelle, Hering, Lachs, Pangasius, Zander
- Thunfisch, Meeresfrüchte, Meeresalgen
- Aufgewärmte Mahlzeiten vom Vortag
- Erdbeeren, Himbeeren, Ananas, Avocado, Banane, Grapefruit, Guave, Kiwi, Limette, Mandarine, Orange
- Kakao, Schokolade
- Aubergine, Tomate, Pepperoni, Meerrettich, Rukola, Spinat
- Walnüsse, Erdnüsse, Haselnuss, Sesam
- Sonneblumenöl, Walnussöl
- Hülsenfrüchte (Soja, Linsen, Bohnen, Erbsen)
- Senf, Pfeffer, Hefeextrakt

Abbildung 2 Wenn das vermeintlich gesunde Frühstück jede Menge Histamin liefert.
Auswahl an Lebensmitteln mit niedrigem Histamingehalt:26
- Hafer, Dinkel, Reis, Kartoffel, Mais, Hanfsamen, Hirse, Quinoa
- Apfel, Traube, Heidelbeere, Nektarine, Pfirsich, Kaki, Kirsche, Johannisbeere, Stachelbeere
- Kohl, Karotten, Gurke, Paprika, Süßkartoffel, Artischocke, Brokkoli, Fenchel, Spargel, Zucchini
- Wachteleier
- Geflügelfleisch frisch, Rindfleisch frisch
- Fisch, fangfrisch/ tiefgekühlt, wie Kabeljau, Dorade, Rotbarsch, Goldbarsch
- Butterkäse, Frischkäse, junger Gouda, Mozzarella (Achtung, bei der Käseherstellung, werden meist histaminbildende Bakterien eingesetzt, weswegen für empfindliche Personen auch diese Käsesorten unverträglich sein können)
- Erdmandel, Macadamia, Pistazie, Kürbiskerne
- Kokosöl, Kürbiskernöl, Olivenöl, Rapsöl, Schwarzkümmelöl, Süßrahmbutter, Ghee
- Blattsalate, Ackersalat
Maßnahmen im Haushalt und Alltag
Es gibt auch noch ein paar praktische Tipps für Zuhause, um die Pollensaison erträglicher zu gestalten.
- Pollengitter an den Fenstern
- Wechselkleidung für draußen und drinnen (Outdoorbekleidung nicht ins Schlafzimmer legen)
- Am Abend duschen und Haare waschen, um sich von den Pollen zu befreien
- Lüften zur richtigen Tageszeit: in der Stadt ist die Pollenbelastung morgens am geringsten, auf dem Land abends
Wie wirken eigentlich Allergietabletten?
Die schulmedizinische Therapie von Heuschnupfen liegt, neben der Hyposensibilisierung, hauptsächlich in der Gabe von Antiallergika. Hier kommen Wirkstoffe aus der Gruppe der Histamin-1-Rezeptorblocker zum Einsatz, wie z.B. Cetirizin, Loratadin oder Desloratadin.27
Dabei blockiert der Wirkstoff den Histamin-1-Rezeptor (H1R), der an den verschiedensten Zellen im Körper auf der Zelloberfläche sitzt. Somit ist dieser Rezeptor bereits belegt. Das Histaminmolekül kann anschließend nicht mehr daran binden und der Signalweg ist unterbrochen. Die allergische Reaktion wird gebremst, weil das Histaminmolekül den Reiz nicht mehr an die Zelle im jeweiligen Organ weitergeben kann (siehe Abbildung 3).
Wichtig hierbei ist, dass Histamin im Körper durch ein Antihistaminikum nicht abgebaut wird. Lässt die Wirkung des Medikamentes nach, kann das Histamin wieder an den Rezeptor binden und die Beschwerden kommen zurück.
In dieser Liste findest du alle in Deutschland zugelassenen H1- und H2-Antihistaminika und ihr Wirkprofil: “Wirkstoffliste H1- und H2-Antihistaminika“
Achtung: Medikamente nicht eigenmächtig einnehmen oder absetzen. Bitte bespreche eine Veränderung deiner Medikation immer zuerst mit deinem behandelnden Arzt oder bei freiverkäuflichen Medikamenten mit einem Apotheker deines Vertrauens!

Abbildung 3 Die Wirkstoffe von Antihistaminika sind in der Lage die Histaminrezeptoren an Zelloberflächen zu blockieren. Dadurch kann das Histaminmolekül seine allergische Wirkung nicht mehr entfalten. Sobald der Wirkstoff abgebaut ist, sind die Rezeptoren für das Histamin wieder frei zugänglich.
Disclaimer
Die Inhalte dieses Artikels dienen lediglich der Aufklärung und Information und stellen keine Handlungsempfehlung dar. Jegliche Veränderung einer Therapie ist mit dem behandelnden Arzt oder Therapeuten zu besprechen.
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Hallo Thomas,
vielen Dank für deine sehr informative und wissenschaftlich fundierte webseite!
Könntest du mal einen Beitrag darüber machen wie man zu viel Fäulnisbakterien- die ja bekanntlich Histaminproduzenten sind- im Darm reduziert bekommt…? Schulmedizinisch konnte ich bislang keine Hilfe dazu bekommen. Ich kenne einige HI geplagte Leute, die ebenfalls davon betroffen sind. Viele Grüße Dagmar